The Art of Decollage
Seit über 10 Jahre fotografiere ich Decollagen, die ich im öffentlichen Raum vorfinde. Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der sich tagtäglich Ereignisse überschlagen, Festivals, Konzerte, Workshops, Demos, Werbebotschaften, Appelle, Statements, und alles übereinander geklebt, Plakat über Plakat, dann an einer Stelle was weggerissen, und an der nächsten Stelle, und an noch einer, und bei jedem Wegriss zeigen sich Fragmente von vorherigen Plakaten, die neue Verbindungen herstellen, poetisch werden, und dann kommt jemand, der einen Aufkleber draufpappt, drei, vier Leute, die es ihm nachtun, dann hier ein Tag, da ein Graffiti, langsam fängt das Ganze durch Witterungsbedingungen wellig zu werden, franst aus, verschmutzt, bildet reliefartige Strukturen, Risse entwickeln ein Eigenleben, wuchern, streuen Metastasen, durch einwirkende Feuchtigkeit führen überklebte Plakate wie Wasserzeichen ein neues Doppelleben, und die Decollage beginnt zu erstrahlen. Man kann sagen, dass Decollagen Gemeinschaftswerke darstellen, allerdings sind es nicht allein Menschen, die es mitgestalten, sondern vor allem ein Bündel von Zufällen, mehr noch, kein gestaltender Wille sucht sich hier auszudrücken, sondern eine Art Wildwuchs, der sich Bahn bricht. Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, dass ein bestimmter Spirit seine Finger im Spiel hat, ein Spirit, der im Hintergrund die Fäden zieht, hier und da nachhilft. Seien wir ehrlich, Decollagen im öffentlichen Raum haben eine ganz spezifische Signatur, ein spezifisches Repertoire an Herangehensweisen, deren Entfachung auf Grundvertrauen basiert. Es gibt Orte, die kollaborieren, die sich mehr in dieses Vertrauen einbringen als andere Orte. Es gibt Orte, die den Spirit der Decollage magisch anziehen, so dass er in kürzester Zeit wahre Wunderwerke hervorzaubert, wissend, dass sich deren Überlebensspanne in Wochen misst. Wobei es mich erstaunt, wie lange sich manche Decollagen halten, wie einige von ihnen Koryphäen der Widerständigkeit sind, sich über Monate vervollkommnen. Ich bin einer Stadt wie Berlin dankbar, dass sich hier immer noch ein Netzwerk von Safe Spaces für Decollagen durchgaunert. Manchmal habe ich den Eindruck, sie werden weniger, aber das scheint zu täuschen. Der vorliegende Band zeigt eine Auswahl aus meinem Decollagenarchiv 2024.